Reisen

Ein Tag in Indien

Ich habe einige Jahre meines Lebens in Asien verbracht, weshalb viele Eigenarten für mich mittlerweile zur Normalität geworden sind. Aber einen Tag lang habe ich versucht mir alles Außergewöhnliche wieder bewusst zu machen.

Der ganz normale Alltag in unserem Leben in Indien

Guten Morgen!

Kinderhände meinen einen Zopf. Ich will die Augen nicht aufmachen. Ich will schlafen. Das Moskitonetz wird mir auf dem Gesicht drapiert. Okay, ich ergebe mich und stehe auf.

Skorpion im BadezimmerZuerst entwirre ich Hippo und mich aus dem Netz und checke dann den Boden nach Spinnen, Ameisen und Skorpionen. Wenn die Luft rein ist, dann trapsen wir aus dem Schlafzimmer und verriegeln die Tür, Mr. Milega schläft noch ein Weilchen.Türgriffe im klassischen Sinn gibt es nicht, sondern nur einen Metallhenkel und einen Riegel.

Hippo kommt in ihren Hochstuhl, ich öffne die vergitterten und mit Moskitonetzen bespannten Fenster. Nein, wir sind nicht im Gefängnis, aber zum Schutz vor größeren Tieren befinden sich Eisengitter an den Fenstern. Wir blicken in satte „hundred shades of green“.
Die Fensterscheibe, die wir kürzlich in einem Café gesehen haben, hat Hippo total irritiert. Aber nach ausgedehnten Stutzen hat sie das Glas dann kräftig mit den Patschhändchen traktiert. Gut, dass sich in Indien niemand an schmutzigen Fenstern stört.

Kaffee kochen am MorgenWährend Hippo ihre Banane ißt, mache ich Kaffee. Das Wasser dafür stammt aus einem Kanister, weil Leitungswasser kein Trinkwasser ist. Wieder einmal habe ich vergessen abends den Gastank des Ofens abzudrehen. Wieder einmal ist nichts passiert.

Mit einem kleinen Funkenmacher entzünde ich die Herdplatten und stelle den Kaffeekocher drauf. Ein paar Gläser vom Vortag sind in der Spüle, um die kümmere ich mich als Nächstes. Ich höre das Spülwasser hinter der Küchenwand in den kleinen Bach laufen und frage mich, wie sehr ich die Umwelt mit meinem Pril schädige. Die Abwasserleitung steckt in der Wand und führt einfach hinters Haus. Der kleine Bach mündet direkt in den Ganges. Falls dort jemand kleine Schaumkrönchen floaten sieht, das war mein morgendlicher Abwasch!

Lässt der Stromausfall noch auf sich warten, springe ich flink bei Licht unter die Dusche. Duschkopf und Boiler befinden sich an der Wand, Duschwanne und Vorhang gibt es nicht. Wir waschen uns mitten im Badezimmer und alles wird nass, aber das stört niemanden, das ist in Indien völlig normal.

Die Nachmittage

Nach Hippos Mittagsschläfchen brechen wir zu einem Ausflug auf. Okay, zur Zeit ist Monsun-Saison, wenn es schüttet wie aus Eimern, verschanzen wir uns in unserem Häuschen. Aber ansonsten geht es auf Tour – mit dem Motorrad!

Ich achte darauf, dass ich dabei ordentlich angezogen bin. Ordentlich im asiatischen Sinn bedeutet, dass mindestens die Schultern einigermaßen  bedeckt sind, der Ausschnitt nicht zu weit ist, ich Leggins trage und keine enganliegende Kleidung. Oft bedecke ich meine Haare, das habe ich mir angewöhnt, als ich in Indonesien zum Islam konvertiert bin.

Ich habe Hippo mit unserer Buzzidil-Trage am Körper und sitze hinter Mr. Milega auf dem Bike. Helmpflicht besteht mittlerweile in Indien, außer man gehört den Sikh an, dann schützt der Turban vor Verletzungen. Aber da wir mittlerweile sehr gut integriert sind, machen wir es wie die Inder und pfeifen auf Helm und doppelten Boden. Normalerweise interessiert das die Polizei herzlich wenig. Wenn hier ein schwerer Unfall passiert, dann kann Dir ein Helm nicht helfen. Die medizinischer Versorgung ist so schlecht, dass Kopfschutz fast schon ein Witz sind.


Motorradfahren mit Baby

Unfälle sind an der Tagesordnung, Indien hat 200.000 Verkehrstote jährlich. Kein Wunder bei dem Fahrstil! Niemand hält sich an Regeln, es wird gegen die Fahrtrichtung gefahren, wild abgebogen und gehupt, rechts und links überholt. Trotz des ganzen Auto-, Rikscha-, Bus-, Lkw-, Fahrrad-, Motorrad-, Roller- und Fußgängergewirrs hatten wir bisher insgesamt nur einen Unfall. Mr. Milega ist ein super Fahrer und weiß mit dem ungeregelten Verkehr umzugehen. Um hier zu überleben muss man mit dem Verkehr fließen und die anderen Verkehrsteilnehmer einschätzen können. Mr. Milega kann das – ich wäre als Fahrer völlig verloren.

An Donnerstagen sind die Geschäfte zumindest für den halben Tag geschlossen, Sonntage sind völlig normale Arbeitstage. Wenn kein Donnerstag ist, dann fahren wir auf den Markt zum Shoppen. Ein kurzer Stopp im Milchladen. Hier wird in einer Halle, in einem großen Kessel Milch gekocht und somit haltbar gemacht. Neben Milch werden hier Joghurt und Paneer (indischer Hüttenkäse) hergestellt und direkt abverkauft. Sehr lecker und spottbillig!

Auf dem Hauptmarkt reihen sich Stand an Stand und alle sind zum bersten gefüllt mit den leckersten Gemüse- und Obstsorten. Das Treiben ist entspannt und man kann in Ruhe einkaufen, was in Indien nicht oft der Fall ist.

Lassi Stand

 

Sollte zufällig Samstag sein, dann halten wir auf einen zuckrigen Safran-Cashew-Lassi an unserem Lieblingsstand. Samstage sind dazu da, meiner Zuckersucht nachzugeben. Ich hatte einen herben Rückfall, was „Zuckerfreiheit“ anbelangt. Jetzt reiße ich mich 6 Tage die Woche am Riemen und schlemme an Samstagen. Obst steht allerdings täglich auf dem Speiseplan, auch wenn das laut „Goodbye Zucker“ nicht gesund ist.

Nach der Einkaufstour gönnen wir uns eine kleine Entspannung und düsen ins Pilger- und Touristenviertel Tapovan. Dort besuchen wir das 60´s – Café unserer Freunde. Hier heißt es Schuhe aus und gemütlich hinflätzen. Es gibt verschiedene Ecken mit Matratzen, wo man ganz gechillt Ruhen und sich den Bauch vollschlagen kann. Echter Kaffee wird serviert und keine Nescafé-Plörre, auf die die Inder so stolz sind.Mama und Hippo im Beatles Café

Spaziergang am Abend

Zuhause werden die Einkäufe alle samt im Kühlschrank verstaut, weil sonst die Ameisen kommen. Den Biomüll lehrt Mr. Milega einfach mit einem gekonnten Wurf über die Gartenmauer aus. Müllabfuhr für Plastik und Metall gibt es teilweise, aber Biomüll wird einfach in der Natur entsorgt. Oft besuchen uns Kühe, Affen oder Hunde und fressen unsere Essensreste.

Strand am Ganges in RishikeshZum Sonnenuntergang gehen wir spazieren. Wir laufen am Ashram vorbei hinunter zum Ganges. Dort ist ein schöner Sandstrand und das Wasser ist sauber. Baden war ich dort trotzdem noch nicht, weil ich ungern angezogen ins Wasser springe. Naja, das Reinspringen ist es nicht, aber klatschnass heim zu laufen ist nicht unbedingt meine Lieblingsbeschäftigung. Im Bikini oder Badeanzug Baden würde ich nicht riskieren, das führt nur zu Massenandrang von Männer, die einen fotografieren wollen, wenn nicht Schlimmeres. Die Stimmung kann in Indien schnell umschlagen und ich möchte keine Horde aggressiver und sexuell geladener Inder am Hals haben – nein, danke!

Also bleibt es bei einem Spaziergang und einem kurzen Aufenthalt am Strand. Wenn es warm ist, dann strecken wir die Beine ins Ganges-Wasser.

Anschließend baden wir unsere Hippo in ihrem Eimer im Badezimmer. Eimer gibt es genügend, weil klassischerweise aus ihnen geduscht und das Wasser zum Reinigen nach dem Toilettengang genutzt wird. Hippo hat einen niegelnagelneuen Eimer zum Einzug ins Haus bekommen. Der ist sogar durchsichtig, damit sie schön alles im Blick hat beim abendlichen Plantschen.

Wenn Hippo schläft, dann nutzen Mr. Milega und ich den Abend um eine Folge Game of Thrones zu schauen. Leider sind wir mittlerweile bei Staffel 6 angekommen, danach heißt es Geduld üben, bis die neue Staffel ausgestrahlt wird.

Gute Nacht aus Indien

So, das war ein ganz normaler Tag aus unserer indischen Familienidylle. Halbzeit unserer Reise ist fast erreicht und wir sind gespannt was noch alles passiert – in Indien und in Zukunft. Gute Nach wünschen wir Euch aus Indien