Unser Alltag

Entschuldigung, Ihr Mamas da draußen!

Es ist kurz nach Mitternacht in Rishikesh. Der Ventilator klackert rhythmisch vor sich hin. Einzig mein Bildschirm erleuchtet den kleinen Raum, den wir Wohn-, Ess- und Schlafzimmer nennen. Friedlich schlummern Mr. Milega und Hippo im Bett hinter mir. Ja, es wird Zeit, dass das Kind endlich das Elternbett verlässt. Ja, es wird Zeit, dass ich endlich abstille. 

Und vor allem wird es Zeit, dass ich mich bei Euch entschuldige, liebe Mütter. 

Der Stein des Anstoßes

Vor drei Tagen habe ich relativ unbedarft meinen letzten Blogbeitrag auf Facebook geteilt und dabei einen unscheinbaren Kommentar zur Fremdbetreuung hinterlassen. Zuerst stand noch ein Hinweis auf die ironische Bedeutung des Ganzen dabei, kurzerhand hab ich diesen aber gelöscht.

Innerhalb weniger Minuten kam gleich Feedback. Zuerst verdrehte ich die innerlichen Augen, dann dachte ich aber noch mal darüber nach.

Klugscheißerei unter Müttern

Ich muss feststellen, dass ich doch eine ziemlich scheinheilige Weltverbesserin bin. Wandle ich teilweise schon sehr auf einer Besserwisser- und Klugscheisserwelle, die nur durch meine subjektive Recherche fundiert ist. 

Auf Facebook teile ich Videos, über die Risiken der frühkindlichen Fremdbetreuung, um dann darauf zu verweisen, dass ich im Prinzip KiTas gut finde. Ein Widerspruch in sich. Warum mache ich so was?

Vermutlich, damit ich von den auf Krawall gebürsteten Leserinnen meines Blogs, deren Kinder ausnahmslos alle in KiTas gehen, keine drauf bekomme. Feigheit schwingt da mit. 

Im Grunde ist so ein Verhalten noch fieser, als offen zu sagen, was man Scheiße findet. Das gäbe Menschen mit anderer Meinung wenigsten die Möglichkeit sich zu äußern. 

Ich hacke hier jetzt nicht im Bösen auf mir herum. Eigentlich verwundert es mich mehr, dass mir dieses öffentliche Angreifen auf die unterschwellige Art nie aufgefallen ist. Erst die Nachricht, die ich nach dem Post vor drei Tagen bekam, hat mich ein wenig wach gerüttelt. 

Bei Weiterem in mich gehen ist mir klar geworden, dass ich nur eine von ganz vielen Müttern bin, die Ihre Erziehungsmethoden mit dem Boxhandschuh servieren. Dazu den netten Satz: „Aber das muss ja jeder selbst wissen.“ Scheinheilige Kacke ist das. 

Klar muss jeder Mensch selbst wissen, wie er sein Kind erzieht. Was er dem Kind zu essen gibt. Welche medizinische Behandlung er dem Kind zukommen lässt. And so on.
Braucht man eigentlich nicht extra betonen, außer wenn man im Grunde denkt, dass es doch nur totaler Mist ist, was die andere Mutter da treibt. 

Und ja, ich dachte KiTas etc. seien totaler Mist. Studien, Artikel, Videos stützten meine Meinung. Aber ich kann Dir für jede verdammte Meinung da draußen Belege und Studien im Internet finden, wenn ich will. 

Was ist die Wahrheit?

Die Wahrheit ist, dass es mir total schnurz-piep-egal sein kann, was andere Mütter treiben. Es geht mich nichts an und ich kann und darf mir darüber kein Urteil erlauben. 

Ich kann mir persönlich nicht vorstellen, mein Kind in eine KiTa zu stecken, um wieder im Vertrieb arbeiten zu gehen. Warum nicht? Weil ich meinen Job gehasst habe. Jeden verdammten Tag. Mit oder ohne Kind, ich würde diesen Job nicht mehr machen. Aber es gibt Mamas da draußen, die ihre Arbeit mögen. Es gibt Mamas da draußen, die arbeiten müssen. Wie kann ich mir herausnehmen, sie zu verurteilen, weil sie ihr Kind in fremde Hände geben?

Ich liebe das Reisen und mein Kind muss mitziehen, ob es will oder nicht. Was ist da besser oder schlechter? Soll ich es Euch sagen? 

Nichts ist besser oder schlechter. Eine psychisch normal tickende Mutter will, dass es dem Kind gut geht. Aber Du musst als Mama auch sehen, dass Du selbst nicht zu kurz kommst. Auch Du musst mit Deinem Leben glücklich sein, sonst kannst Du Deinem Kind kein Glück mit auf den Weg geben.

Warum der Mütter-Krieg?

Warum können wir nicht einfach mit Interesse und Gleichgültigkeit zuschauen, wenn eine Mutter anders erzieht als wir? Oder machen wir es mal konkreter. Warum kann ich nicht einfach mit Interesse und Gleichgültigkeit zuschauen, wenn eine Mutter anders erzieht als ich?

Weil ich es bei meinem Kind richtig machen möchte. Ich will, dass es meinem Kind bei mir gut geht. Wenn ich mich mit Müttern vergleiche, die anders erziehen und leben, dann habe ich oft ein schlechtes Gewissen. Mein Kind hat kein Kinderzimmer, nicht mal ein eigenes Bett. Meine Tochter war bei keinem Babyschwimmen, Massagekurs, selbst zur Rückbildung habe ich es nur zweimal geschafft, weil ich nach acht Wochen wieder jobben ging. 

Wir Mütter haben alle ein schlechtes Gewissen und zwar fast permanent. Heute zum Beispiel hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil…

  • ich nur noch eine halbe Banane für Hippos Frühstück hatte
  • ich vormittags nicht mit ihr spazieren gegangen bin. Da war es noch schön kühl.
  • ich mittags nur schnell Nudeln gemacht habe ohne viel Gemüse
  • ich sie vom Rosinen-Walnuss-Brownie essen habe lassen
  • ich ihr die Windel nicht schnell genug gewechselt habe und sie jetzt wund ist
  • ich sie nicht geduscht habe, weil sie nicht wollte, obwohl sie verschwitzt war
  • ich ihr abends nicht die Zähne geputzt habe, weil ich keinen Bock auf Streit und Weinen hatte

An manchen Tagen bin ich eine totale Versagerin auf ganzer Front und stelle alles infrage. An anderen Tagen läuft es einfach wie am Schnürchen. An beiden Tagen ist die Mutter, die es anders Macht der Feind. Entweder, weil ich mich neben ihr als ein noch größerer Looser fühle, oder weil ich ihr eins reinbraten kann, wie falsch sie liegt und wie super es bei mir läuft.  

Lasst uns Frieden schließen

Wir sollten einfach mal aus tiefstem Herzen spüren, dass die andere Mama genauso tickt wie wir. Sie will auch ein glückliches Kind, das sich gut entwickelt. Sie gibt auch ihr Bestes und hat dabei gute und weniger gute Tage. Sie ist manchmal am Ende und manchmal stolz wie Bolle auf sich, das Kind und die Welt. 

Wir Mamas treffen unsere Entscheidungen und müssen damit leben. Niemand sollte es sich herausnehmen zu urteilen. Niemand sollte ungefragt Ratschläge geben oder Meinungen posaunen. 

Ich entschuldige mich bei Euch und ich will, dass wir füreinander da sind. Jede Mutter sollte eine moralische Stütze für andere Mütter sein. Weil wir es schon schwer genug haben, auch wenn wir uns nicht gegenseitig niedermachen.

WHEN WOMAN SUPPORT EACHOTHER, 
INCREDIBLE THINGS CAN HAPPEN.