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Freilerner Community in Süditalien: Mein Erfahrungsbericht

Den nachfolgenden Beitrag schrieb ich im November für die Seite von Figli della Terra. Ich möchte Euch auch gerne an unserer Reise durch die letzten Monate teilhaben lassen. Deshalb füge ich den Text hier für Euch ein. Es gibt demnächst ein weiteres Update. Dann erfahrt Ihr wo wir jetzt stehen und wie es weitergeht.

November 2019: Freilerner in Kalabrien

Das Haar meiner Tochter duftet nach Salz, Wind und Sonne. Wir kommen gerade zurück vom Strand. Ich spüre freundlich gestimmte Lebensgeister durch meinen Körper jagen. Den ordentlichen Vitamin-D-Schub, den dieser Novembertag uns geschenkt hat, spüre ich natürlich auch.

Mein schönstes Geschenk ist allerdings nicht das milde Wetter, das ein Winter in Kalabrien mit sich bringt. Mein Herz jubiliert, wenn ich mein Kind im Kreis neuer Freunde sehe. Schon nach drei Wochen spielt sie so selbstverständlich mit den Jungs und Mädchen von Figli della Terra, als sei es das Normalste der Welt.

Es mag für andere Kinder nichts Ungewöhnliches  sein, den Kontakt zu Gleichaltrigen zu suchen. Meine Tochter ist vor wenigen Wochen noch weggerannt, wenn andere Kids auf den Spielplatz kamen. Nach nur drei Wochen Gemeinschaft ist sie selbstsicher und unbefangen im Umgang mit den neuen Bekannten.

Unsere Ankunft in San Nicola di Arcella

Pünktlich am 2.11. um 13:18 Uhr fuhr unser Zug am Bahnhof von Scalea ein. Simone, die Initiatorin von Figli della Terra, holte uns ab. Zusammen mit ihren beiden Kindern fuhr sie uns zu unserer neuen Bleibe. Die gemütliche Zwei-Zimmer-Wohnung im Gassengeflecht der Altstadt kannten wir bereits von Fotos. In der Realität sah sie noch hübscher aus und gewann uns sofort für sich.

Zwei Tage später lernten wir einen Teil der ausländischen Familien kennen, die sich zum Gemeinschaftsleben in Süditalien eingefunden haben. Das erste Meeting wurde speziell zum Thema Kinder-Space einberufen. Nur vier Tage nach unserer Ankunft wurde tatsächlich der Kindergarten eröffnet.

Der Kinder-Space ist eröffnet

Seit dem treffen wir uns fünfmal pro Woche dort. Wir haben Laternen gebastelt und sind damit an Sankt-Martin singend durch den Ort gezogen. Die Bewohner haben ganz schön Augen gemacht – von „Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne“ hat hier bisher noch niemand etwas gehört.

An einem anderen Tag durften die Kids selbst Knetmasse hergestellt. Oft wird allerdings auch einfach nur frei gespielt. Die Räumlichkeiten sind noch nicht perfekt. Deshalb haben wir gemeinsam eine erste Möbelbestellung aufgegeben. Wir waren Bastelsachen, Küchenausstattung und Aufbewahrungsmaterialien besorgen. Auch das wird noch nicht dazu führen, dass wir es mit einem professionellen Kindergarten aufnehmen können. Wir gehen einen Schritt nach dem anderen.

Jeder Tag in der Gemeinschaft birgt die Chance etwas Neues zu lernen. Gerade im Umgang mit einer ganzen Gruppe von Kindern können wir noch einiges verbessern. Das Schöne ist, dass ich die Menschen hier als sehr reflektiert wahrnehme. Wir sind vom Grundsatz her auf einer Wellenlänge und können offen diskutieren. Ob der Kindergarten jetzt bereits perfekt ist oder nicht, spielt für mich nur eine nebensächliche Rolle. Meine Tochter fühlt sich wohl.

Beinahe jeden Tag freut sie sich darauf, dass sie dorthin gehen darf. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass die Eltern immer die komplette Zeit über dabei sind. Für mich als Alleinerziehende und Alleinverdienerin ist das Konzept der permanenten Anwesenheit manchmal eine Herausforderung.

Allein, um mein Arbeitspensum gut zu schaffen, würde ich mich lieber öfter herausnehmen. Aber ich weiß auch, dass manche Dinge Zeit brauchen. Wenn wir hier den Kindern sichere Wurzeln geben, wenn sie in ihrem Tempo Vertrauen lernen dürfen, dann werden wir bald die Früchte ernten. Dann bleiben die Kleinen bald gerne bei den anderen Familien zum Spielen oder sogar einmal über Nacht.

Nicht alles ist perfekt im Paradies

Okay, jetzt kommt die Kehrseite der Medaille. Es gibt Punkte, die ich mir anders vorstelle. Ich merke gerade, dass es zwar schön für mich ist, eine eigene Wohnung zu haben, ich aber dennoch die anderen Familien gerne näher hätte. Im Moment wohnt nur eine weitere Familie in San Nicola, die anderen leben im Nachbarstädtchen Scalea.

Grundsätzlich bin ich kein Mensch, der Verabredungen mag. Es ist mir lieber, wenn spontan Begegnungen passieren. Deshalb wäre es für mich vermutlich schöner, wenn ich tatsächlich meine eigene Hütte auf einem großen Grundstück mit anderen Familien hätte.

An manchen Tagen fühle ich mich allein, an anderen Tagen ist mir der alltägliche Kontakt mit Menschen zu viel. Dadurch, dass viele Familien hier sind, drehen sich die meisten Gespräche um Kinder, freies Lernen und Familienleben. Das sind Themen, die bei mir keine große Priorität haben. Ich glaube die Unterhaltungen würden vielfältiger werden, wenn wir näher zusammen leben würden.

Aber, weil das Leben eben ein Wunschkonzert ist, schicke ich meine Vision einfach mal ans Universum. Ich weiß, dass wir alle geführt werden und jeder Ort zum aktuellen Zeitpunkt der Richtige für uns ist. Ob wir dauerhaft in Kalabrien bleiben? Das weiß ich nicht und das spielt im Moment auch überhaupt keine Rolle. Wir kommen gerade erst an. Wir spielen uns ein. Wir lernen uns kennen.

P.S. Wer ein echtes Freilerner-Dorf sucht, der sollte unbedingt bei Terra Gi vorbeischauen. Ich habe die Webseite für die liebe Sole erstellt und kann die Familie und ihr Bio-Selbstversorger-Freilerner-Projekt nur jedem schwer ans Herz legen.