Rituale für Kinder Sicherheit in Krisenzeiten
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Rituale für Kinder: Sicherheit in Krisenzeiten

Die nüchterne Definition von Ritualen lautet: Sie sind wiederkehrende Reihenfolgen von Handlungen. Der Ablauf ist meistens vorgegeben und oftmals in feierlichem Kontext. In Familien und Gemeinschaften spielen Rituale eine große Rolle. Das gilt in allen Kulturen der Welt.

Diese sachliche Darstellung von Ritualen verdeutlicht überhaupt nicht, welche Bedeutung sie seit Jahrtausenden bis heute für die Menschheit haben.

Einschlafritual als erste Familiensitte

Photo by Ivone De Melo from Pexels

Elternratgeber und Hebammen empfehlen frisch gebackenen Mamas und Papas bestimmte Schlafgewohnheiten einzuführen. Die Einschlafbegleitung ist häufig ein erstes Ritual, dass Babys erleben. Wie sie durchgeführt wird, ist von Familie zu Familie unterschiedlich.

Tatsächlich ist es für jede Gewohnheit wichtig, dass sie zu den jeweiligen Menschen passt, die sie praktizieren. Bei uns war das tägliche Baden der Hauptbestandteil des Einschlafrituals. Wir haben unsere Tochter in den ersten Wochen und Monaten ihres Lebens allabendlich gebadet, bevor es ins Bett ging.

Ich weiß, dass viele Experten davor warnen. Tägliches Baden kann den Säureschutzmantel der empfindlichen Babyhaut angreifen. Nach einer Nutzen-/Risikoabwägung haben wir es dennoch gemacht. Und sind exzellent damit gefahren.

Aber wie gesagt, jeder Familie sollte ihren eigenen Ablauf praktizieren.

Warum pochen eigentlich so viele Fachleute auf ein Einschlafritual? Das liegt an den Vorteilen von Gewohnheiten, insbesondere für Säuglinge und Kleinkinder.

Die Relevanz von Ritualen in der Kindererziehung

Wenn ein Baby geboren wird, betritt es eine vollkommen fremde Welt. Vom schützenden Bauch der Mutter, kommt es in eine kalte, helle Umgebung. Es erlebt zum ersten Mal direkte Berührung, völlig neue Gerüche und Hunger. Nachdem es viele Monate lang beinahe schwerelos im warmen Wasser vor sich hin dämmerte, ist es nun mit der Schwerkraft konfrontiert.

Beim Gedanken an all die Veränderungen, die ein frisch geborener Säugling erlebt, kann ich mich in seine Unsicherheit hineinversetzen. In einer Welt, in der wir nichts kennen, helfen uns sich wiederholende Handlungen. Passiert jeden Abend die gleiche Abfolge von Aktionen, erkennt das Baby nach und nach die Tätigkeiten. Es lernt die einzelnen Schritte und ihre Reihenfolge. Das funktioniert aber nur, wenn die Rituale immer auf die gleiche Art und Weise durchgeführt werden.

Dann vermitteln Rituale:

  • Sicherheit
  • Struktur
  • Ordnung
  • Orientierung
  • Verlässlichkeit und
  • Zusammenhalt

Deshalb sind sie gerade in den ersten Lebenswochen besonders wichtig. Aber auch später helfen gewohnte Abläufe den kleinen und großen Menschen.

Entwicklungsphasen sind bei Kindern häufig mit Herausforderungen verbunden. Eltern wissen, dass Kindern vor, während und nach Schüben oft unsicher sind. Sie schlafen und essen schlecht, nörgeln und weinen öfter.

Jeder Nachwuchs reagiert unterschiedlich auf Entwicklungssprünge und nicht jeder Schub wird gleich intensiv erlebt, aber dennoch bemerken die meisten Familien Veränderungen, wenn eine Wachstumsphase erreicht ist. In diesen Zeiten ist ein Gefühl der Sicherheit für Kinder besonders wichtig. Neue Eindrücke irritieren sie, Ängste können auftreten. Rituale beruhigen.

Rituale können auch genutzt werden, um die Achtsamkeit zu erhöhen. Das gilt vor allem, wenn sie konzentriert vollzogen werden. Auf meinen Reisen durfte ich viele Rituale miterleben. Die abendlichen Ganga Aarti, wenn Mutter Ganges mit Feuer und Gesängen zu Bett gebracht wird. Die Waschungen vor dem Eintritt in die Moschee. Opferschalen der balinesischen Hindus.

Ganz oft sind diese Bräuche mit einer gewissen Innenschau und Achtsamkeit verbunden. Ich habe den Eindruck, dass in unserer Kultur die Ernsthaftigkeit und Wichtigkeit von Ritualen mehr und mehr verloren geht.

Insbesondere, wenn es sich um religiöse Zeremonien handelt. Das ist natürlich an Weihnachten und Ostern anders. Aber Glaube und rituelle Handlungen sind in der westlichen Welt aus dem Alltag scheinbar verdrängt. Dabei finden sie Kinder meistens faszinierend.

Beispiele für Rituale

Wenn wir auf Bali leben, räuchern wir jeden Abend vor dem Schlafengehen unser zu Hause. Ich bin ein tief spiritueller Mensch und möchte meinen Glauben gerne an meine Tochter weitergeben. Wir bedanken uns bei Mutter Erde. Berühren sie an jedem Ort, an dem wir neu kommen. Ich bin davon überzeugt, dass sie sich über unsere Berührung mit uns verbindet. Ich bin überzeugt, dass Gaia diese Berührungen braucht.

Ich übe bei unseren familiären Ritualen keinen Zwang aus. Meistens kommt meine Tochter von alleine auf mich zu und fragt, ob sie auch ein Räucherstäbchen haben darf.

Wir leben ein so außergewöhnliches Leben, dass viele bekannte Rituale nicht zu uns passen. Deshalb versuche ich Bräuche zu integrieren, die sich richtig anfühlen. Dazu sehe ich mir die Zeremonien anderer Menschen und Kulturen an und entscheide intuitiv, was wir aufnehmen und was nicht.

Für jede Familie und jeden Kulturkreis funktionieren andere Rituale.

Dabei muss es sich nicht zwangsläufig um religiöse oder besonders festliche Handlungsabläufe handeln. Auch folgende Aktionen werden zu Ritualen, wenn sie regelmäßig durchgeführt werden:

  • Haustiere füttern
  • Mit dem Hund spazieren gehen
  • Meditieren
  • Yoga
  • Gute-Nacht-Geschichte
  • Badezeit
  • Spaziergang nach dem Abendessen
  • Spielstunde mit Papa am Abend
  • Sonntagsausflüge zu den Großeltern
  • Kuchen am Sonntag

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Ritual und einer Tradition?

Im Zuge des Artikels habe ich mich gefragt, ob Tradition und Ritual nicht das Gleiche sind. Bei einer Tradition, wie zum Beispiel dem Weihnachtsfest, werden überlieferte Werte weitergegeben. Diese Weitergabe passiert oftmals über viele Generationen bis sich eine Tradition entwickelt. Das muss aber nicht sein. Es können sich auch Traditionen innerhalb einer Generation etablieren.

Rituale sind oftmals Teil der Tradition. Das Christbaumschmücken an Weihnachten ist das Ritual, das Feiern von Weihnachten ist die Tradition.

Welche Rituale habt Ihr?

Beim Schreiben der vorausgegangenen Zeilen ist mir aufgefallen, dass meine Tochter und ich wenige fixe Rituale haben, die wir durchgehend praktizieren. Unser Leben sieht immer unterschiedlich aus, abhängig davon, ob wir gerade in Indonesien, Italien, Ungarn oder Deutschland leben.

Diese Tatsache stimmt mich gerade nachdenklich und lässt mich hinterfragen, ob wir nicht mehr Struktur bräuchten, die wir überall mit hinnehmen können. Vielleicht pflegen wir aber auch Rituale, die ich einfach als so normal empfinde, dass sie mir gerade nicht in den Sinn kommen?

Wie ist das bei Euch? Welche Rituale praktiziert Ihr mit Euren Kindern und in Euren Familien?