Reisen

Verantwortungslose Mutter in Indien

Mit Kleinkind in der Dritten Welt - Indien als Familie

Mir schlägt oft Unverständnis entgegen, weil wir mit unserer Tochter im Moment in Indien leben. Mit meinen letzten Artikeln zum Müllproblem und dem ungesunden Essen, habe ich die Fassungslosigkeit noch vergrößert. Umso passender, dass ich das letzte Mal versprochen habe, einen positiven Artikel zu schreiben.

Mein Indien.

Palolem Strand in Goa 2012Als ich das erste Mal nach Indien gekommen bin, war ich voller Selbstzweifel, Ängste und Vorurteile. Die Wochen vor meinem Abflug habe ich schreckliche Dinge über das Land gelesen, gesehen und gehört. Massenvergewaltigungen, Leichen überall, meterhoch Dreck, schlimmste Krankheiten, giftigste Tiere.

Bis heute habe ich eine spezielle Warnung im Kopf – in Zügen immer festes Schuhwerk anziehen, weil die Menschen auf den Gang kacken. Diese Nachricht hat mich damals fast dazu gebracht meinen Flug zu stornieren. Ich hatte immer extreme Probleme im Umgang mit menschlicher Verdauung.

Meine Bedenken vor der Reise fingen bei Hocktoiletten an und hörten bei Schlangenbissen auf. Hatte ich doch irgendwo gelesen, dass Kobras zu den aggressiven Reptilienarten gehören, die auch auf Jagd nach Menschen gehen.

Außerdem hatte ich Angst vor den Indern insbesondere den Männern und anderen Reisenden.

Kurzum, ich saß am 27.02.2012 bei meiner Zwischenlandung am Flughafen in Dubai, wusste nicht wie man einen Computer mit dem WLAN verbindet, traute mich nicht Englisch zu sprechen und hätte am liebsten losgeheult. Wie kann man nur so bescheuert sein als Frau alleine nach Indien zu fliegen? Diese Frage stand mir vermutlich in Großbuchstaben auf der Stirn geschrieben.

Mutter Indien empfängt mit offenen Armen.

6 Stunden später bin ich in Bangalore angekommen, aus dem Flughafen raus und mit dem Taxi zum Hotel. Ich war überrascht. Das Land war überhaupt nicht so schmutzig, wie ich es mir vorgestellt hatte. Überall leuchteten Blumen. Der Blütenkranz am Rückspiegel des Wagens duftete herrlich und alle Menschen sahen einigermaßen gepflegt aus.

Mother India nahm mich mit offenen Armen auf und zeigte sich in den nächsten Monaten mit ihrer ganzen Pracht. Ich sah die goldgelben Strände Goas, farbenfrohe Tempel, imposante Paläste, quirlige Märkte und buntbemalte Elefanten.

Geburtstagsparty in Bundi IndienViel prägender als die Sehenswürdigkeiten und Tiere waren aber die Menschen mit denen ich sprach. Nie werde ich den kleinen Ayurvedaarzt in Udaipur vergessen, der gesehen hat, wie versteinert mein Herz war. Bis heute trage ich den Ring, den er mir nach unserem einstündigen Gespräch geschenkt hat. Oder der Mann, der in Jaisalmer gerade sein erstes Café unter einem Plastikplanenverschlag eröffnet hatte. Ich war sein allererster Gast und hatte wegen der hygienischen Bedingungen arge Bedenken etwas zu bestellen. Nach drei Tees, einem Pfannkuchen und zwei Stunden Geplauder später, war ich zum ersten Mal im Leben irritiert über das Konzept der Liebesheirat. 

Ich hatte kaum Kontakt zu Inderinnen. Meist quatschte, trank und feierte ich mit indischen Männern. Und ich bin dabei kein einziges Mal vergewaltigt worden. Ja, es gab komische Situationen und manchmal war mir nicht mehr ganz wohl. Aber ich bin in Indien nicht mehr oder weniger ungewollt angetatscht worden, als in Deutschland. Dafür habe ich von diesen Hotelmanagern, Chaiverkäufern, Schmuckhändlern und Rikschafahrern so viel Herzlichkeit, Offenheit und Weisheit erfahren, dass es mich manchmal bis in meine Grundfesten erschüttert hat. Menschen, die kaum etwas haben, laden Dich auf einen Tee ein oder in ihre Familien. 

Indien hat mich erwachsen werden lassen. Indien hat mich stark gemacht. Jedes Mal, wenn ich meine Ängste überwunden habe, dann bin ich ein Stück mächtiger geworden. Ja, Indien hat mich oft herausgefordert und an meine Grenzen gebracht. Aber immer wieder, wenn ich gerade dachte, dass ich es einfach nicht mehr aushalten würde, kam ein wunderbares Erlebnis, das alles wettmachte.

Ich mag die Gegensätze des Landes, den Reichtum und die Armut, das Hässliche und die Pracht, die Tradition und die Moderne. Und jetzt ist es so, dass ein Hockklo oder ein Fernsehbericht mich im Leben nicht mehr davon abhalten werden, meine Träume zu verwirklichen.

Ja, Indien ist ein rückständiges Dritte-Welt-Land

Natürlich sehe ich, dass hier viele Dinge nicht ganz rund laufen. Ich sehe das kleine Mädchen mit den staubigen und struppigen Haaren, das immer vor Rajastani-Restaurant beim Betteln steht. Ich sehe die Slumkinder, die nach dem Regen zum Flussbett laufen und sich über das Wasser freuen. Ganz selten sehe ich sogar eine Leiche.

Aber so ist das echte Leben und ich will die volle Bandbreite und zwar in echt und nicht gemütlich vorm Fernseher in meinem IKEA-Wohnzimmer. Dann sehe ich nämlich auch, dass die Slumbewohner kostenlos Reis vom Staat bekommen, dass die Armen jeden Tag mit warmen Essen versorgt werden, dass die reichen Inder unheimlich großzügig den Bettlern spenden. 

Was im Fernsehen gezeigt wird sind Zustände, die es gibt. Armut ist eine Tatsache in den meisten Ländern dieser Welt. Aber es sind nur zugespitzte Ausschnitte der Realität, die Einschaltquoten bringen müssen. Dass dieses Land Schulpflicht hat und mit Lehranstalten und Universitäten zugepflastert ist, das zeigt niemand. Im übrigen habe ich in all den Jahren hier noch nie einen dieser ominösen, überfüllten Züge mit Menschen auf den Dächern gesehen, die in deutschen Dokus gerne vorgeführt werden. Ja, es gibt sicherlich diese Eisenbahnen. Genauso wie es Slums, Armut, Tod und Gebrechen gibt. Kinder sterben hier. Aber das findet alles nicht so geballt und extrem statt, wie es in den Medien ausgeschlachtet wir. Ich kann nur immer wieder raten, schaut Euch solche Reportagen nicht an. Das bildet Euch nicht und bringt Euch nur Nachteile, welche bei schlaflosen Nächten anfangen und bei unbegründeten Ängsten vor Armut enden. 

Das war auch eine ganz wichtige Lektion, die mich Indien gelehrt hat. Schau Dir an, was Dir Angst macht. Lass Dir nicht von jemand anderem erzählen, wie der Hase läuft. Finde es selbst heraus. Du bist stärker als Deine Ängste und es gibt nichts wovor Du Dich fürchten musst.

Wie kann man mit gutem Gewissen sein Kind nach Indien schleppen?

Eigentlich ist den meisten Menschen völlig egal, was ich persönlich mit meinem Leben anstelle, aber es ist ein Kind involviert. Und dieses Kind setze ich den Gefahren Indiens aus. Das regt auf.

Ich bin einerseits in Indien, weil ich das Gefühl habe, mich hier spirituell so rasant weiterentwickeln zu können, wie sonst kaum an einem anderen Ort. Das geht manchmal schneller und dann stockt es wieder. Es finden sich hier immer wieder inspirierende Menschen und Ereignisse, die mir einen unglaublichen Schub geben. Nach der Hypnotherapie im letzten Jahr ist wieder ganz viel in Gang gekommen. Ich beschäftige mich sehr intensiv mit meinem Ego, dem Leben und Sterben. Mir ist bewusst, dass ich mein Kind einer vermeintlich größeren Gefahr aussetze als in Europa. Aber die Freiheit, die wir hier haben, wiegt diesen Nachteil tausendfach auf.

Die Freiheit von der ich spreche, habe ich aufgrund der Tatsache, dass ich kein Teil der Kultur bin und, dass ich mit der richtigen Hautfarbe gesegnet bin. Mir ist durchaus bewusst welcher Vorteil es ist weiß zu sein. Ich kann mich hier am Rande der Gesellschaft bewegen, bin außen vor und dennoch angesehen. Das führt dazu, dass ich nur ganz geringe Beeinflussung erfahre. So kann ich mich auf Dinge konzentrieren, die mir wichtig sind. Gleichzeitig habe ich oft Menschen um mich herum, die genauso leben und viele Interessen teilen. Das inspiriert und bereichert mich.

Sicherheit für mein Kind

Natürlich will ich auch nicht, dass meinem Kind etwas passiert. Ich kenne Indien und weiß gewisse Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Wir wohnen in einem gepflegten Mittelstandshaus, kaufen das beste Trinkwasser auf dem Markt, haben eine Krankenversicherung und mittlerweile wieder genug Geld um im Notfall ausfliegen zu können.

So, genug der handfesten Argumente – jetzt kommt meine Weltsicht.

Totenkopf aus Stein am WasserIch will mein Leben so intensiv wie möglich leben. Wir sind auf dieser Erde, in diesem Leben, nur einen Wimpernschlag lang. Wir verlieren unsere Kinder, Eltern, Besitztümer und uns selbst definitiv. Wir sterben.

Der Tod ist in jedem Augenblick mein bester Freund und Partner, weil er mich stark macht. Der Gedanke, dass nichts bleiben wird, macht mich frei. Wenn etwas schlecht läuft, spielt es keine Rolle, weil es vergänglich ist. Wenn etwas Gutes passiert, dann will ich es zu 100% genießen, weil es vergänglich ist.

Wieso soll ich also diese kostbare Zeit mit 8, 9, 10 Stunden Arbeit täglich verschwenden? Ich weiß für mich selbst, dass ich in Deutschland nicht aus meiner Haut kann. Ich sehe schöne Autos, Wohnungen und Klamotten. Und ja, ich bin meilenweit davon entfernt ohne Bedürfnisse zu sein. Je länger ich in Deutschland bin, desto mehr möchte ich auch diese Statussymbole haben, die einem das Leben leichter und schöner machen sollen. Dafür müsste ich mich dann aber versklaven. Ich müsste meine kostbare Lebenszeit verschenken, um morgens im Stau zu stehen, um in meine Arbeit zu kommen, um das Haus abzuzahlen. Das Haus, dass ich nicht mitnehmen kann. Das Haus, das vielleicht irgendwann für den Platz im Altenheim draufgeht. In dem ich die letzten Jahre des Lebens dement in einer Endlosschleife an Lebenserinnerungen festhängt. Ich habe die Hoffnung, dass, sollte ich eines Tages in diese Situation kommen, ich möglichst lang in einer abenteuerlichen Vergangenheit mit vielen spannenden Erlebnissen festhänge.

Ich will mein Kind aufwachsen sehen. Es ist nicht nur so, dass es mit jedem Tag selbständiger wird und mich weniger braucht – was auch eine große Erleichterung ist – wir kommen auch jede Sekunde näher an unseren Abschied.

Wenn Du Dir bewusst bist, dass Du dieses Leben hier nur ein einziges Mal hast und es nur Millisekundenbruchteile lang ist im Vergleich zur Ewigkeit, dann werden die Ängste ganz klein und die Prioritäten völlig anders gesetzt.

Goodbye India – Hello Indonesia or USA?

Jetzt habe ich so viel von Indien geschwärmt, aber ich sehe auch andere Länder mit ähnlichen Qualitäten behaftet. Deshalb bin ich zur Zeit ernsthaft am Überlegen wieder nach Indonesien zurück zu kehren, nach über vier Jahren. Mein Mann denkt eher an die USA, aber davor gruselt es mich noch ein wenig.

Mich nervt die Qualität des Essens in Indien, weil ich das Gefühl habe, dass eine klarer Geist, damit er sich entwickeln kann, einen möglichst chemiefreien Körper braucht. Je mehr Ballast ich meinem System zumute, desto schwieriger ist es positive Energien zu sammeln.
Außerdem ist mir gerade nach Strand und Meer. Und es wäre schön, wenn wir ein zweites Einkommen hätten. Ja, ich bin genervt davon immer alleine für alles verantwortlich zu sein, sei es wegen Sprachbarrieren oder weil ich gerne das Ruder an mich reiße. 

Obwohl ich dieses Land liebe und sicher immer wieder zurück kommen werde, fehlt diesmal ein wenig der Kontakt zu Gleichgesinnten. Unsere nächste Station ist Ende Juli erst einmal Nepal. Es wird Zeit für einen kurzen Visa-run.